Methodologie
Vitalethik: Eine Methode philosophischer Lebenskunstberatung
Die nachstehende Methode ist als vorerst nur theoretischer Diskussionsbeitrag zur Methodologie philosophischer Lebenskunstberatung gedacht. Sie eignet sich für Fälle, in denen es um die Linderung oder Lösung konkreter Lebensprobleme geht. Kern der Methode ist die Bewegung vom Konkreten zum Abstrakten und wieder zum Konkreten. Die Methode ist als Richtschnur gedacht, die im Detail von Fall zu Fall abgeändert werden kann. Dies betrifft auch den Gesamtumfang und die vorgeschlagene Dauer der einzelnen Beratungsphasen.
Die philosophische Lebenskunstberatung trägt im IAP den Namen Vitalethik. Dieser Name steht für den vitalen Bezug, die vitale Bedeutung und die vitalisierende Intention der Beratung.
1. Allgemeine Vorgaben
Die vitalethische Beratung erfolgt im persönlichen Dialog zwischen Berater und Klient. Dieser Dialog wird überwiegend sokratisch-mäeutisch geführt, zuweilen auch pädagogisch und, wo nötig, behutsam elenktisch. Selektiv werden dazu philosophische Theorien zur Ethik, aber auch aus anderen relevanten Bereichen der Philosophie herangezogen, etwa der Anthropologie, Handlungstheorie, Sozialphilosophie, Metaphysik, Ästhetik und Lebensphilosophie. Die vitalethische Beratung verfährt konsultativ und diskursiv, nicht indoktrinativ und autoritär.
2. Die einzelnen Beratungs-Schritte
Der Beratungsprozess beginnt in der Regel beim konkreten Problem des Klienten, das präzisiert, analysiert und auf eine abstraktere, begriffliche Ebene gehoben wird. Auf dieser erfolgt eine gemeinsame Reflexion von Berater und Klient. Abschließend werden deren Ergebnisse modifizierend auf das konkrete Leben des Klienten zurück gebunden.
Die Beratung gliedert sich somit in drei Hauptabschnitte:
Analyse
Reflexion
Modifikation
Diese sind ihrerseits wieder in Unterabschnitte gegliedert. Deren Beschreibung im einzelnen:
2.1 Analyse
2.1.1 Information
2.1.1.1 Biographische Erzählung:
Der Klient erzählt von sich, seiner Lebensweise und seinen Lebensumständen.
2.1.1.2 Problem-Beschreibung:
Der Klient schildert, wie sich sein Problem äußert.
Diese beiden Phasen sollen der Information des Beraters dienen und darüber hinaus, wie in anderen Beratungsarten auch, der Vertrauensbildung auf Seiten des Klienten und einer ersten, situativ bewirkten Minderung seines subjektiven Leidensdrucks.
2.1.2 Problem-Analyse
Klient und Berater erörtern das Problem. Dabei stehen die Präzisierung des Problemkerns, die Ursachen-Forschung und die generelle vitale Kontextualisierung des Problems im Vordergrund.
2.1.3 Problem-Abstraktion
Auf der Basis der Analyse-Ergebnisse versucht der Berater, das Problem begrifflich zu fassen und systematisch zu verorten. Diese gedankliche Verallgemeinerung fokussiert die substantielle Problematik und verlagert die Erörterung auf die Ebene philosophischer Reflexion. Die vitalethische Beratung hat damit ihre spezifische Applikationshöhe erreicht. Zugleich wird der systematische Boden für die Recherche und eventuelle exemplarische Adaption philosophiegeschichtlicher Theoreme bereitet. Drittens schiebt die begriffliche Abstraktion eine Distanz zwischen Klient und Problem, mindert dadurch dessen persönliche Betroffenheit und erleichtert die sachliche Reflexion und Diskussion, die später ansteht.
2.1.4 Explikation des Selbst- und Weltverständnisses
Im Dialog wird die Meinung des Klienten zu dem – jetzt allgemeinen – Problem eruiert. Zugleich versucht der Berater, durch beharrliches Nachfragen nach Gründen, Implikationen und logischen sowie sachlichen Konsequenzen der geäußerten Meinungen das dafür ursächliche Selbst- und Weltverständnis des Klienten freizulegen. Dieser selbst- und weltanschauliche Hintergrund ist der spezifische Applikationspunkt der vitalethischen Beratung, an dem sie ansetzt, um nicht bloß Symptome zu kurieren, sondern eine dauerhafte vitale Verbesserung zu ermöglichen. Konkret geht es in dieser Phase der Beratung darum, dass der Berater diesen Hintergrund kennen lernt und der Klient sich dieses Hintergrunds bewusst wird. Dabei erfolgt keine Wertung seitens des Beraters.
2.2 Reflexion
2.2.1 Diskussion
Klient und Berater denken gemeinsam über das Selbst- und Weltverständnis des Klienten nach. Dies geschieht zunächst rekapitulierend und affirmativ. Dann aber wechselt der Berater die Perspektive und bringt andere Sichtweisen ein, bis hin zur Provokation. All diese zum Teil polar entgegengesetzten Ansichten werden in größtmöglicher Offenheit und Wertfreiheit diskutiert. Im Rahmen dieser Diskussion erfolgt auch die exemplarische Hinzuziehung von Theorien aus der Philosophiegeschichte –soweit verfügbar und erforderlich. Es geht in dieser Phase darum, das Denken des Klienten in Bewegung zu bringen. Er soll in die Lage versetzt werden, sich selbst, sein Leben und die Welt mit anderen Augen zu sehen und andere, neue Sichtweisen und existentielle Möglichkeiten seiner selbst, seines Denkens und Lebens, zu entdecken.
2.2.2 Evaluation
Die diskutierten Perspektiven und Möglichkeiten werden nach objektiven und subjektiven Gesichtspunkten gewertet. Objektive Aspekte sind allgemein akzeptierte Wertvorstellungen; die subjektiven Aspekte betreffen die persönlichen Prioritäten, Wünsche und Ideen des Klienten. Dabei sollen aus den vielfältigen Sichtweisen und existentiellen Möglichkeiten diejenigen herausgesucht werden, die der Klient nach der ausführlichen Diskussion bevorzugt.
2.3 Modifikation
2.3.1 Revision
Im Licht der vorhergehenden Diskussion und Evaluation wird die anfängliche Problemsicht des Klienten überprüft und gegebenenfalls modifiziert.
2.3.2 Applikation
Die Ergebnisse der vorher gehenden Schritte werden nun konkret und nutzbringend auf das Leben des Klienten bezogen, vor allem auf das Problem, das ihn in die Konsultation führte. Berater und Klient überlegen deshalb gemeinsam, welche konkreten Auswirkungen die Resultate der Revision auf die konkrete Lebensführung des Klienten haben sollten. Ist dies geklärt, geht es in einem letzten Schritt darum, zu eruieren, wie weit die konkreten Lebensumstände des Klienten die Verwirklichung des Gewollten befördern, zulassen, beeinträchtigen oder verhindern. Dies führt gegebenenfalls zu Anschluss-Fragen bezüglich einer Veränderbarkeit dieser Umstände oder einer zu akzeptierenden Einschränkung des Gewollten. Für die vitalethische Beratung sind diese Überlegungen nur noch peripher. Sie kann sich diesbezüglich auf allgemeine Hinweise beschränken und die konkreten Einzel-Überlegungen, -Recherchen und –Entscheidungen dem Klienten überlassen. Nach den voraus gegangenen Beratungen sollten Mündigkeit und existentielle Souveränität des Klienten dafür ausreichen.
3. Aufteilung nach Stunden:
Angestrebt wird, innerhalb einer überschau- und kalkulierbaren Anzahl von Beratungsstunden zu einem im Sinne des Klienten konstruktiven Ergebnis zu gelangen. Im Regelfall sollten dafür acht Beratungsstunden ausreichen. Die einzelnen Phasen der Beratung können darauf wie folgt verteilt werden:
| 1. Stunde: | Biographische Erzählung Problem-Beschreibung |
| 2. Stunde: | Problem-Analyse |
| 3. Stunde: | Problem-Abstraktion Explikation des weltanschaulichen Hintergrunds |
| 4. Stunde: | Diskussion |
| 5. Stunde: | Diskussion |
| 6. Stunde: | Diskussion |
| 7. Stunde: | Evaluation Revision |
| 8. Stunde: | Applikation |
Weitere Beratungsstunden können in Einzelfällen angebracht, sollten aber nicht die Regel sein. Die vitalethische Beratung will zur Mündigkeit hinführen, nicht diese ersetzen.