Grundlagen

Erste Thesen zur Applikation philosophischen Denkens auf das Leben in unserer Zeit

Nachstehend einige Überlegungen zu Ort und Gegenstand der Angewandten Philosophie und zu einigen Bedingungen, die vorausgesetzt werden müssen, wenn die Anwendung von Philosophie überhaupt möglich und sinnvoll sein soll.

1. Zum systematischen Ort der Angewandten Philosophie:

Die Angewandte Philosophie erweitert nicht den Kanon bisheriger philosophischer Lehren, sondern reflektiert deren praktische Nutzbarmachung. Als philosophische Metatheorie der vitalen Applikation philosophischen Denkens nimmt sie eine vermittelnde Zwischenstellung ein zwischen dem traditionellen akademischen Philosophiebetrieb und dem konkreten individuellen Leben in unserer Zeit.

2. Der Gegenstand der Angewandten Philosophie:

Die Angewandte Philosophie erforscht und praktiziert die Anwendung philosophischen Denkens auf das Leben von Menschen in unserer Zeit. Philosophisches Denken meint hier Philosophie und Philosophieren, also Erkenntnisse und Methoden der Philosophie. Die Erkenntnisse entstammen dem kanonischen Fundus der philosophischen Tradition und Gegenwart und werden nicht dogmatisch, sondern konsultativ, also optativ und exemplarisch, zu Rate gezogen. Sie beschränken sich nicht auf spezifisch ethische Theoreme, sondern umfassen alle Fachbereiche der Philosophie, die für heutiges Leben von Nutzen sein können, etwa die Anthropologie, die Logik, die Handlungstheorie, die Ästhetik oder auch die Metaphysik. Bei den anzuwendenden Methoden handelt es sich um spezifisch philosophische Verfahrensweisen und Fertigkeiten in Analyse, Abstraktion, Explikation, Interpretation und Diskussion.

3. Bedingungen / Voraussetzungen einer Angewandten Philosophie:

Wenn Angewandte Philosophie möglich und sinnvoll sein soll, müssen bestimmte Voraussetzungen angenommen werden, etwa:

3.1 Anthropologisch:

Die Endlichkeit und Bedürftigkeit des Menschen. Denn warum sollte – ohne diese Voraussetzung – Lebensführung beruflich und privat überhaupt von Bedeutung sein und damit eine darauf bezogene Anwendung philosophischen Denkens?

Das Selbstbewusstsein des Menschen. Denn wie sollte – ohne diese Voraussetzung – eine vernunftgesteuerte Prüfung und gegebenenfalls Modifikation der eigenen Lebensführung auf der Basis der philosophischen Applikation möglich sein?

Die Freiheit des Menschen. Denn wie sollte – ohne diese Bedingung – eine selbstbestimmte Lebensführung möglich sein und damit auch die praktische Effektivität der philosophischen Applikation?

3.2 Handlungstheoretisch:

Die praktische Steuerungskompetenz der Vernunft. Denn wie sollte – ohne diese Voraussetzung – philosophisches Denken die Lebensführung beeinflussen können?

3.3 Vernunftkritisch:

Die lebenspraktische Kompetenz der Vernunft. Denn wie sollte – ohne diese Voraussetzung – philosophisches Denken die Lebensführung verbessern können?

3.4 Didaktisch:

Die Beratungs-Bedürftigkeit und -Fähigkeit der angesprochenen Menschen. Denn wie sollte – ohne diese Voraussetzung – eine bildende und beratende Anwendung von Philosophie erforderlich und möglich sein?

3.5 Methodisch:

Die lebenspraktische Zweckmäßigkeit philosophischer Techniken. Denn wozu sollte man sie – ohne diese Voraussetzung – anwenden?

Dies sind einige Grund-Voraussetzungen. In vielen Einzelfragen der Angewandten Philosophie werden weitere Voraussetzungen anzutreffen sein.

4. Ziele der Angewandten Philosophie:

Die Angewandte Philosophie will dazu beitragen, das Leben von Menschen in unserer Zeit zu verbessern. Dies kann durch die Auflösung konkreter Lebensprobleme geschehen und/oder durch eine allgemeine praktische Bereicherung ihres Lebens. Zwischenziele sind u.a. Stärkung der Bewusstheit, Distanz-Gewinnung, Klärung, Flexibilisierung und Vitalisierung des Denkens sowie Aufklärung und perspektivische Erweiterungen/Veränderungen des Selbst- und Weltverständnisses vor dem Horizont der philosophischen Tradition.

5. Umfang und Grenzen der Angewandten Philosophie:

Die Angewandte Philosophie bezieht sich auf die vernünftige Gestaltung des individuellen Lebens in unserer Zeit. Die extensionale Reichweite umfasst somit im Grunde alle Angelegenheiten des täglichen Lebens, und die applikativen Möglichkeiten und Grenzen entsprechen denen einer bewussten Lebensführung überhaupt. Ihre operative Grenze erreicht die philosophische Konsultation in der praktischen Entscheidung, die immer Sache des Betroffenen selber bleibt. Eine rezeptive Grenze ist dort gegeben, wo die Rezeptionskompetenz und die praktische Autonomie von Menschen pathologisch eingeschränkt sind.