Abgrenzungen

Eine Abgrenzung der Angewandten Philosophie zu anderen Disziplinen ist vor allem in Bezug auf die Anwendung von Philosophie auf das individuelle, persönliche Leben von Menschen in unserer Zeit, also die philosophische Lebenskunstberatung, erforderlich. Deshalb nachstehend der Versuch, Unterschiede zur Psychotherapie und zur kirchlichen Seelsorge, den anderen gängigen Formen von Lebensberatung, aufzuzeigen.

Abgrenzung zur Psychotherapie

Eine detaillierte und umfassende Abgrenzung von philosophischer Lebenskunstberatung (im IAP: Vitalethik) und Psychotherapie ist angesichts der Vielfalt der psychotherapeutischen Angebote nicht möglich. Die wesentlichen Unterschiede ergeben sich jedoch schon aus den Definitionen beider Disziplinen.

Die Psychotherapie ist, wie das deutsche Psychotherapiegesetz von 1998 formuliert, eine “Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert“ (§1, Abs.2). Die philosophische Lebenskunstberatung (Vitalethik) hingegen ist eine Tätigkeit zur Nutzbarmachung philosophischen Denkens für die individuelle Lebensführung der Menschen in unserer Zeit. Die Psychotherapie wendet sich also an kranke Menschen, die Angewandte Philosophie an gesunde; die Psychotherapie heilt psychische Dysfunktionen, die Philosophie berät bei der persönlichen Lebensführung. Aufgrund dieser adressatenbezogenen und inhaltlichen Differenz besteht keine funktionale Überschneidung. Bei seriöser Wahrung der jeweiligen Kompetenzgrenze ergibt sich deshalb in der Regel kein Konkurrenzverhältnis.
Diese prinzipiell klare Abgrenzung wird dort unschärfer, wo die Psychotherapie ihr angestammtes Terrain und ihre spezifische Kompetenz transzendiert. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn nicht mehr kranke Menschen therapiert, sondern Gesunde in allgemeinen Lebensfragen beraten werden, etwa in Bezug auf Selbstverwirklichung oder Sinnsuche. Hier können partielle Überschneidungen in Adressatenkreis und Anwendungsgebiet entstehen und damit ein gewisses Konkurrenzverhältnis. Allgemeine Lebensfragen fallen allerdings traditionell eher in die Kompetenz der Philosophie.

Abgrenzung zur kirchlichen Seelsorge

Die wesentliche Differenz besteht in der weltanschaulichen Gebundenheit kirchlicher Seelsorge. Metaphysischer Hintergrund und inhaltlicher Orientierungsrahmen kirchlicher Lebensberatung ist das christliche Weltbild. Dies begründet einerseits die spezifisch seelsorgerische Kompetenz der Kirche, setzt beim Ratsuchenden aber, wenn die Seelsorge gelingen soll, christlichen Glauben voraus oder zumindest eine Disposition dazu. Die philosophische Lebenskunstberatung (Vitalethik) hingegen ist weltanschaulich offen und gründet ausschließlich auf nachvollziehbare Rationalität. Die herangezogenen philosophischen Theorien werden nur exemplarisch gebraucht und können vom Ratsuchenden überprüft und gewertet und nach eigenem Dafürhalten übernommen oder verworfen werden.