Voltaire (zum Schnuppern)
Von Michael Conradt
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Ich wünsche viel Freude beim Lesen und Denken.
Beste Grüße
Michael Conradt
1. Hinführung
In dieser dritten Staffel der Klassiker der Philosophie beschäftigen wir uns mit den Denkern der Aufklärung und des Deutschen Idealismus, also mit dem philosophischen Geschehen im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. Deshalb wollen wir uns, bevor wir mit Voltaire beginnen, vorab ein wenig mit dieser aufregenden Epoche der abendländischen Geistesgeschichte vertraut machen.
2. Das Zeitalter der Aufklärung
2.1 Zum Begriff der Aufklärung
Unter Aufklärung verstehen wir im Allgemeinen die Klärung und Erklärung eines Sachverhalts. Der Ausdruck ist uns aus der Politik bekannt, wenn z.B. die Opposition von der Regierung Aufklärung verlangt. Daneben kennen wir noch die sexuelle Aufklärung, bekannt als die Sache mit den Bienen und den Blumen, bei der die Kinder erfahren, dass es neben der menschlichen Sexualität, über die sie längst Bescheid wissen, noch andere Formen der Fortpflanzung gibt. Aufklärung heißt also im alltäglichen Sprachgebrauch soviel wie Klärung und Erklärung dessen, was ist.
Im 18. Jahrhundert hat Aufklärung noch eine zusätzliche Bedeutung, nämlich Klärung nicht nur dessen, was ist, sondern auch dessen, was sein soll. Also nicht nur die Ausleuchtung bestehender Verhältnisse und, falls angebracht, Kritik an diesen Verhältnissen – das ist das, was ist -, sondern auch das Erdenken und Fordern besserer Verhältnisse. Das ist das, was sein soll. Dies sind die beiden Seiten der historischen Aufklärung.
Voltaire, der Philosoph, den wir heute kennen lernen, prägte dafür die Begriffe “esprit critique“ und “esprit philosophique“, also “Kritischer Geist“ und “Philosophischer Geist“. Das sind die beiden Facetten des aufklärerischen Geistes. Esprit critique steht für Kritik an bestehenden schlechten Verhältnissen, esprit philosophique für die Überlegungen zur konstruktiven Besserung der Zustände.
2.2 Daten und Länder
Das Zeitalter der Aufklärung wird häufig auf recht elegante Weise datiert, nämlich als ein Zeitraum von exakt 100 Jahren: von 1689 bis 1789.
1689 ging in England die sogenannte Glorious Revolution zu Ende, die glorreiche Revolution. Sie hatte den Engländern das Ende der absoluten Herrschaft des Königs gebracht (in einer neuen Verfassung, der Bill of Rights), außerdem Religionsfreiheit (im sogenannten Tolerance Act) und die Garantie von zumindest einigen Menschenrechten (in der Habeas-Corpus-Akte). Das heißt, einige der Forderungen, welche die Köpfe der Aufklärung in anderen Ländern später erst erhoben, wurden in England bereits um 1689 verwirklicht.
1789, das Jahr, mit dem das Jahrhundert der Aufklärung endet, ist, wie wir wissen, eines der markantesten Daten der Weltgeschichte: das Jahr der Französischen Revolution. Die Losungsworte der Französischen Revolution lauteten: Liberté, Egalité, Fraternité, also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. In dieser Forderung waren die politischen Hauptgedanken der französischen Aufklärung zusammengefasst, die somit durch diese Revolution Verfassungswirklichkeit wurden. In diesem Sinne ist 1789 als das Ende der Aufklärung zu verstehen: als Vollendung, nicht etwa als Abbruch oder Scheitern. Vollendung zumindest, was die Verfassung angeht. In der politischen Realität waren auch nach der Revolution noch einige Unebenheiten zu überwinden.
Die Aufklärung vollzog sich vor allem in drei Ländern: England, Frankreich und Deutschland. In England begann sie, in Frankreich verlief sie am spektakulärsten, in Deutschland, kann man sagen, erlebte sie ihre philosophische Reifezeit.
Wir werden uns mit Philosophen aus allen drei Ländern beschäftigen, nämlich: John Locke und David Hume aus England, Voltaire und Rousseau aus Frankreich und Kant aus Deutschland. In der Reihenfolge unserer Erörterungen schließen wir uns Weischedels Philosophischer Hintertreppe an. Das heißt, wir beginnen nicht in England, wie es chronologisch zutreffend wäre, sondern dort, wo es am spannendsten und sozusagen saftigsten war, nämlich in Frankreich, und zwar mit Voltaire.
Ich gebe Ihnen zunächst eine allgemeine Charakterisierung der Persönlichkeit Voltaires und seiner kulturgeschichtlichen Stellung, dann einen Überblick über seine Lebensdaten, und dann kommen wir zu Voltaires Philosophie.
3. Voltaire (Francois Marie Arouet)
(21.11.1694-30.5.1778)
3.1 Allgemeine Charakterisierung
Ich denke, Voltaire wäre uns allen sympathisch gewesen. Er hatte ein angenehmes Äußeres, war hoch gebildet, geistreich und schlagfertig, ein glänzender Unterhalter, Erzähler und Fabulierer. Außerdem vertrat er Ansichten, denen wir vermutlich alle zustimmen.
Voltaires hervorstechendste Kennzeichen waren seine Ironie und sein Spott, die er zu einer wahren Kunst entwickelte. Das machte ihn berühmt, brachte ihn aber auch immer wieder in Schwierigkeiten, nämlich dann, wenn sein Spott einflussreiche Persönlichkeiten traf, die sich dann rächten. Voltaire wurde mehrfach verbannt und wanderte zweimal sogar in die Bastille, das Staatsgefängnis – berühmt durch den Sturm auf die Bastille, mit dem 1789 die Französische Revolution begann.
Voltaire liebte das Leben und machte daraus sogar so etwas wie einen Gottesbeweis: “Ich wundere mich”, schrieb er,
“dass man unter so vielen überstiegenen Beweisen für das Dasein Gottes noch nicht darauf verfallen ist, das Vergnügen als Beweis anzuführen; das Vergnügen ist etwas Göttliches, und ich bin der Meinung, dass jedermann, der guten Tokaier trinkt, der eine schöne Frau küsst, mit einem Wort, der angenehme Empfindungen hat, ein wohltätiges höchstes Wesen anerkennen muss.“
So weit Voltaire. Man könnte dies den hedonistischen Gottesbeweis nennen, also den aus der Lebensfreude. Wir sehen hier etwas von der Leichtigkeit und wohl auch ironischen Doppelbödigkeit in Voltaires Denken und Schreiben. Man weiß häufig nicht so recht, ob und wie sehr er das ernst meint, was er sagt.
Voltaire war nicht verheiratet. Er hatte viele Liebschaften, mit Damen aller Gesellschaftsschichten, darunter auch einigen, die ihrerseits verheiratet waren. Auch das brachte ihn öfters in Schwierigkeiten. Er lebte gern auf großem Fuß. Das dafür nötige Vermögen erwarb er durch seine literarischen Erfolge, aber auch durch Geschäfte, die zum Teil recht waghalsig gewesen sein sollen. Voltaire war nicht nur Philosoph, Dichter und Schriftsteller, sondern auch Lotterieeinnehmer, Geldverleiher und Waffenhändler – auch wenn er eigentlich nicht so aussah. Aber damals hatten wahrscheinlich auch Waffenhändler noch Stil.
Voltaires Art zu leben, hatte also etwas Leichtes und Heiteres – trotz der ungeheuren Arbeitsleistung, die in seinem Werk steckt. Auch sein Kampf für die Werte der Aufklärung war bei allem Engagement kaum jemals verbissen. Man könnte vielleicht sagen, ohne nationale Klischees zu sehr strapazieren zu wollen: Voltaire war halt Franzose, kein Preuße.
Voltaire ist der berühmteste von allen Aufklärern. Sein Name ist so etwas wie ein Synonym für die Aufklärung überhaupt. Der Grund für diese besondere Wertschätzung liegt allerdings wohl weniger darin, dass Voltaire besonders tiefschürfend gedacht hätte. Er hat das Programm der Aufklärung nicht erfunden oder in hervorragender Weise geprägt. Aber niemand formulierte und verbreitete es so brillant wie er, niemand schrieb so publikumswirksam und hatte einen vergleichbaren Erfolg bei den Lesern. Voltaires Theaterstücke und Erzählungen erreichten und überzeugten nicht nur die Intellektuellen, sondern auch das normale und viel größere bürgerliche Publikum.
Voltaire war somit nicht, wie häufig angenommen wird, der Kopf der Aufklärung – so jemanden gab es gar nicht -, sondern eher ihr Sprachrohr. Darin liegt seine besondere Bedeutung. Ohne ihn und sein philosophisches und literarisches Werk hätten die Gedanken der französischen Aufklärung nicht die politische Wirksamkeit erreicht, die sie tatsächlich hatten.
Voltaire kann also für die Philosophie der französischen Aufklärung überhaupt stehen. Das heißt, was wir hier über seine Philosophie erfahren, gilt mehr oder weniger auch für die anderen französischen Denker dieser Zeit – mit einer Ausnahme. Das ist Rousseau. Mit ihm werden wir uns deshalb in der nächsten Woche gesondert befassen.
Ein Blick auf die Lebensdaten Voltaires.
3.2 Biografie
Voltaire hieß eigentlich Francois Marie Arouet. Der Name Voltaire ist ein Pseudonym, das er sich zulegte, als er sein erstes Theaterstück veröffentlichte. Voltaire wurde am 21.11.1694 in Paris geboren. Er entstammte dem gehobenen Pariser Bürgertum. Sein Vater war Notar und trug den Titel eines Königlichen Rates. Voltaire besuchte eine sehr gute Schule und studierte später Jura, machte aber keinen Abschluss.
Wichtiger für seine Entwicklung und seine spätere Karriere war der Aufenthalt in einem freigeistigen literarischen Zirkel in Paris, in den er schon als Zwölfjähriger eingeführt worden war. Dort wurde er mit den Gedanken der frühen Aufklärung bekannt. Aufgrund seiner Ader für Spott und feine Ironie und seiner Formulierungskunst war er bald der Exponent dieses Debattierclubs und erwarb sich den Ruf eines geistreichen, allerdings auch leichtsinnigen Spötters. Ein Beispiel: Als nach dem Tod Ludwigs XIV. aus Sparsamkeitsgründen die Hälfte der Pferde aus den königlichen Stallungen verkauft wurden, meinte Voltaire dazu, es wäre besser gewesen, stattdessen die Hälfte der Esel wegzuschicken, die den königlichen Hof bevölkerten. Mit solchen Bemerkungen macht man sich nicht nur Freunde.
Als Voltaire dann auch noch Spottverse auf den König (Philippe II.) verfasste, ließ dieser ihn für elf Monate in die Bastille einsperren. Dort, in der Haft, begann Voltaire zu schreiben, unter anderem seine erste Tragödie, den Ödipus. Schon in diesem Stück übte er Kritik an der absoluten Macht des Königs, die ihn ja auch gerade in die Bastille gebracht hatte und ebenso an der Macht der Kirche. Der Ödipus wurde 1718 in Paris mit großem Erfolg uraufgeführt und machte Voltaire sozusagen auf Anhieb zum berühmten Theaterdichter und zugleich zur Stimme der Aufklärung in Frankreich.
1726 kam er zum zweiten Mal in die Bastille, diesmal aufgrund eines Streits mit einem Adligen, den Voltaire wieder mit einer spöttischen Bemerkung provoziert hatte. Der Adlige hatte gute Beziehungen zum Chef der Polizei, der Voltaire verhaften und in die Bastille sperren ließ. Dies war also schon das zweite Mal, dass Voltaire die Willkür der Obrigkeit und die Rechtlosigkeit der Untertanen am eigenen Leib zu spüren bekam.
Die Gefängnisstrafe wurde diesmal allerdings nach kurzer Zeit in eine zweijährige Verbannung umgewandelt. Voltaire übersiedelte nach England. Dieser Aufenthalt sollte sein Denken wesentlich prägen. Denn in England fand Voltaire Meinungsfreiheit, religiöse Toleranz und Rechtsstaatlichkeit vor, also exakt das, was er in Frankreich vermisste. Die englischen Schriftsteller und Philosophen durften veröffentlichen, was sie für richtig hielten, ohne Furcht, dafür ins Gefängnis geworfen zu werden. Die Engländer durften frei ihren Glauben praktizieren, auch wenn er von der offiziellen kirchlichen Lehrmeinung abwich, und kein Engländer durfte ohne richterliche Prüfung und Anordnung in Haft genommen werden – wie es Voltaire in Frankreich schon zweimal widerfahren war.
Der zweite bestimmende Einfluss war die Bekanntschaft mit der Philosophie John Lockes (1632-1704) und der Philosophie und der Physik Isaac Newtons (1643-1727). Was Voltaire vor allem beeindruckte, war, dass Locke wie auch Newton auf metaphysische Spekulation verzichteten. Die Metaphysik ist die philosophische Disziplin, die sich mit all dem beschäftigt, was hinter der Physik, also jenseits der sinnlich wahrnehmbaren Welt der Erfahrung, vermutet wird, etwa Gott. Auf Gottes Wirken führte man zur damaligen Zeit noch viele natürliche Phänomene zurück. Locke und Newton jedoch erklärten die Welt, ohne auf Gott oder andere Kräfte und Wesen jenseits unserer Welt der Erfahrung zurückgreifen zu müssen. Voltaire lernte hier sozusagen, dass es auch ohne Religion und Kirche geht.
Nach seiner Rückkehr verarbeitete Voltaire seine Eindrücke aus England in einem Werk mit dem Titel Lettres philosophiques. Das heißt wörtlich: Philosophische Briefe. Die Lettres philosophiques brachten Voltaire gleich wieder in Schwierigkeiten mit den Behörden. Denn Voltaire schilderte und lobte darin die politischen und sozialen Verhältnisse in England und verband dies mit entsprechender Kritik an den französischen Zuständen. Das war, so schrieb später ein französischer Literaturkritiker, “die erste Bombe, die auf das Ancien Régime geschleudert wurde“. Es war eine erste Initialzündung für das, was sich später zur Französischen Revolution auswuchs. So empfand es auch die Obrigkeit. Die gesamte Auflage des Werks wurde beschlagnahmt und öffentlich verbrannt.
Um einer weiteren Verhaftung zu entgehen, floh Voltaire aus Paris. Zuflucht fand er in dem Schloss einer adeligen Gönnerin, Freundin und wohl auch Geliebten, der Marquise du Châtelet in Lothringen. Die Marquise war wohl die wichtigste Frau in Voltaires Leben. Auf ihrem Schloss verbrachte er die nächsten 15 Jahre (1735-1750); eine fruchtbare Zeit, in der viele seiner Werke entstanden.
Nach dem Tod seiner Gönnerin im Jahr 1750 lebte Voltaire zwei Jahre lang am preußischen Königshof in Potsdam, auf Einladung Friedrichs des Großen. Der “Alte Fritz“, wie man Friedrich den Großen auch nannte und nennt, wollte seine Hauptstadt zum “Tempel großer Männer“ machen. Da durfte Voltaire, inzwischen schon eine Berühmtheit in Europa, natürlich nicht fehlen. Voltaire fühlte sich in Potsdam sehr wohl. Dennoch kam es 1753 zum Bruch mit dem König. Grund war wohl vor allem eine gemeinsame finanzielle Spekulation, die missglückte und vermutlich insbesondere den König recht viel Geld kostete. Voltaire musste den Hof verlassen. Da er aus Frankreich gerade wieder verbannt worden war, hielt er sich zunächst einige Jahre in der Nähe von Genf auf, bevor er sich dann 1758 auf der französischen Seite des Genfer Sees niederließ. Dort kaufte er das Schloss Ferney, das er bis zu seinem Tod bewohnte.
Voltaire war mittlerweile 64 Jahre alt und ein reicher Mann. Er konnte in Ferney ein großes Haus führen. Man spricht von bis zu 160 Bediensteten. Ferney wurde in den 20 Jahren, die Voltaire dort noch lebte, zu einer Art geistiger Hauptstadt Europas. Gelehrte und Fürsten aus allen Ländern machten ihre Aufwartung, darunter die russische Zarin und die Könige von Dänemark und Schweden.
Schloss Ferney war aber keineswegs ein Ruhesitz. Im Gegenteil: Der inzwischen schon fast 70jährige Voltaire verschärfte noch einmal seinen Kampf für die Werte der Aufklärung. Zunächst ganz konkret und praktisch in seiner engeren Umgebung. Dort setzte er sich für die Abschaffung der Leibeigenschaft der Bauern ein und für die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lebensbedingungen. Landesweit berühmt wurde sein Einsatz für die Rehabilitierung eines Protestanten, der in Toulouse wegen eines angeblichen Mordes grausam hingerichtet worden war. Das war der Fall Jean Calas. Voltaire erreichte die Wiederaufnahme des Verfahrens, bei der sich herausstellte, dass der Hingerichtete unschuldig gewesen und nur aufgrund religiöser Vorurteile verurteilt worden war. Dies erregte großes Aufsehen in ganz Frankreich. Voltaire verschärfte nun seinen schon lange währenden Kampf gegen die Kirche noch weiter. Es wurde nun eine regelrechte Kampagne. “Ecrasez l’infâme“, “Vernichtet die Schändliche“, hieß der berühmt gewordene Schlachtruf, den Voltaire unter anderem auf Zehntausenden von Flugblättern verteilen ließ. Mit der “Schändlichen“ war die Kirche gemeint.
Parallel dazu veröffentlichte Voltaire eine Reihe von juristischen Schriften (er war ja studierter Jurist). Darin forderte er die Säkularisierung und die Humanisierung des Strafrechts. Mit Säkularisierung war die Entfernung der Religion aus dem Strafrecht gemeint, mit Humanisierung mehr Menschlichkeit in der Bestrafung, also die Abschaffung von Folter und grausamen Hinrichtungsarten.
Dieses aktive Engagement für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit, und zwar nicht nur literarisch, sondern auch ganz konkret, verschaffte Voltaire im Volk Beinamen wie “Verteidiger der Unglücklichen“ und “Befreier der Unterdrückten“. Voltaire befand sich auf dem Höhepunkt seiner Popularität und war so etwas wie ein Volksheld. Als er 1778, wenige Wochen vor seinem Tod, noch einmal Paris besuchte, gegen den Willen der Behörden übrigens, wurde er von einer begeisterten Menschenmenge empfangen und erlebte einen Triumphzug, wie er kaum jemals einem König zuteil geworden war.
Kurz darauf starb Voltaire, noch in Paris, am 30. Mai 1778. Die Kirche verweigerte ein christliches Begräbnis. Sein Leichnam wurde auf einem Dorffriedhof verscharrt. Im Zuge der Revolution brachte man ihn dann aber im Jahre 1791 nach Paris und setzte ihn im Panthéon bei.
Voltaire erlebte die Französische Revolution also nicht mehr, wie fast alle französischen Aufklärer. Aber er hatte ihr den Boden bereitet, und er sah sie mit einer bemerkenswerten prophetischen Gabe voraus. In einem Aphorismus Voltaires heißt es dazu:
“Alles, was ich sehe, scheint den Samen der Revolution auszustreuen, die eines Tages unausweichlich kommen muss. Ich werde aber nicht mehr das Vergnügen haben, ihr Zeuge zu sein. Die Franzosen machen immer erst spät etwas, aber sie machen es schließlich doch.“
So viel zum Leben Voltaires. Nun ein Blick auf seine Werke, danach dann auf deren wesentlichen philosophischen Inhalt.
3.3 Werke
Voltaires Gesamtwerk ist riesig groß. Es umfasst die gesamte Palette der literarischen Gattungen. Voltaire verfasste allein 27 Tragödien, immer in Versform und ca. zwei Dutzend Romane. Außerdem schrieb er eine Vielzahl von Gedichten, Satiren, Theater- und Literaturkritiken, Kommentaren und Abhandlungen und nicht zuletzt ca. 20.000 Briefe. Die Gesamtausgabe seiner Werke umfasst 99 Bände. Wir haben es also mit einer ungeheuren geistigen und literarischen Lebensleistung zu tun.
Keines seiner Werke war Selbstzweck, sondern alle standen im Dienste der Sache, also dem Kampf für die Werte der Aufklärung und damit gegen Obrigkeit und Kirche. Voltaire nannte seine Werke deshalb auch philosophische Theaterstücke und philosophische Romane.
Wir können diese Werke natürlich nicht alle aufzählen, sondern halten nur drei fest.
Dies sind zum einen die
- Lettres philosophiques (deutsch: Briefe über die Engländer, 1734), die wir in der Biografie schon kurz angesprochen hatten. Sie enthalten Voltaires philosophisches Programm, das wir uns gleich näher anschauen werden.
Dann der
- Essai sur les moeurs et l’esprit des nations (deutsch: Versuch über die Weltgeschichte, über die Sitten und den Geist der Völker, 1756). Mit diesem Werk begründete Voltaire seine Geschichtsphilosophie und, so eine verbreitete Ansicht, die Geschichtsphilosophie überhaupt, zumindest in ihrer modernen Form.
Schließlich der
- Candide (1759). Dies ist einer der philosophischen Romane Voltaires und sein wohl bekanntestes Werk.
Nun zu den Inhalten:
3.4 Philosophische Hauptgedanken
3.4.1 Programm
Das philosophische Programm Voltaires ist das der französischen Aufklärung überhaupt. Die Hauptpunkte lassen sich schon aus der Biografie Voltaires ablesen. Umfassend dargelegt sind sie vor allem in den Lettres philosophiques, den Briefen über die Engländer. Voltaire formuliert darin seine Kritik an den bestehenden Verhältnissen und seine Forderungen nach deren Verbesserung. Also esprit critique und esprit philosophique. Außerdem nennt er das Instrument zur Verwirklichung dieser Forderungen und gibt schließlich noch einen Ausblick in die Zukunft.
Alle vier Gesichtspunkte wollen wir nun nachzeichnen, also Kritik, Forderungen, Instrument und Ausblick. Als erstes die Kritik.
3.4.1.1 Kritik
Woran Voltaire Kritik übt und wogegen er sein Leben lang ankämpft, ist konkret Folgendes:
- Die absolute Macht des Königs, also der Absolutismus, d.h. die uneingeschränkte Verfügungsgewalt des Königs über sein Land und die Menschen, die darin leben. Auf den Punkt gebracht hatte Ludwig XIV. diese Staatsauffassung in seinem berühmten Ausspruch: “L’état, c’est moi“, also: Der Staat, das bin ich;
- Die Privilegien des Adels gegenüber Bürgertum und Bauern. Die Bauern etwa gehörten ihrem Adelsherren, waren zu Hand- und Spanndiensten verpflichtet etc.
- Die Zensur, also das Verbot freier Meinungsäußerung;
- Religiöse Dogmatik und Intoleranz, also die Unanfechtbarkeit der christlichen Glaubensgrundsätze und der Monopolanspruch der christlichen Kirche, inklusive der Verfolgung von Andersgläubigen;
- Der Aberglaube. Gemeint sind damit bei Voltaire der Glaube an Wunder, an übernatürliche Kräfte, Hexen etc., aber auch viele christliche Dogmen, etwa die Auffassung, dass Hostie und Wein beim Abendmahl tatsächlich Leib und Blut Christi sein sollen, nicht nur deren Symbol;
- Fanatismus. Damit meinte Voltaire religiösen Fanatismus. Den bezeichnete er als “blutdürstige Leidenschaft“, die zum Verbrechen auffordere und Ursache vieler Kriege und Millionen Toter sei.
Wir erkennen an den bisherigen Kritikpunkten sehr gut die Stoßrichtung von Voltaires Kritik. Sie richtete sich gegen die Obrigkeit (in den ersten drei Punkten) und gegen Kirche und Religion.
Schließlich noch der Missstand, der Voltaire am wichtigsten war, uns heute aber kaum noch präsent ist. Das war der
- Obskurantismus. Dies war Voltaires wichtigster Punkt. Zugleich ist es derjenige, der uns heute am wenigsten geläufig ist. Sie kennen aber das Wort obskur, das soviel bedeutet wie undurchsichtig und dunkel. Obskurantismus bedeutet also soviel wie Verdunkelung, ist demnach das genaue Gegenteil von Aufklärung. Die Aufklärung will Licht in die Sachverhalte bringen, der Obskurantismus will sie im Dunkel belassen. In der konkreten geschichtlichen Situation damals bezeichnete Obskurantismus den Versuch von Obrigkeit und Kirche, die Menschen bewusst in Unwissenheit zu halten, ihr selbständiges Denken zu verhindern und sie an Übernatürliches glauben zu lassen. All dies, um sie besser manipulieren und beherrschen zu können. Dieser Obskurantismus war für Voltaire die Wurzel aller politischen und sozialen Übel. Deshalb war ihm der Kampf gerade dagegen besonders wichtig.
Dies waren Voltaires Kritikpunkte. Seine Forderungen beinhalteten demzufolge das Gegenteil von all diesem. Konkret:
3.4.1.2 Forderungen
- Menschenrechte, vor allem Freiheit, Unantastbarkeit der Person und Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. In Bezug auf Freiheit richtete sich das Augenmerk nicht nur auf die politische und soziale Freiheit, sondern noch auf drei weitere Aspekte, nämlich:
- Meinungsfreiheit, also das Recht, frei zu sagen und zu schreiben, was man denkt, ohne Repressalien fürchten zu müssen;
- Religionsfreiheit, im Sinne des Ausspruchs von Friedrich dem Großen: “Jeder nach seiner Facon“;
- Die Freiheit der Wissenschaft. Damit war vor allem die Emanzipation der Wissenschaft von der Theologie gemeint, d.h. die Freiheit der Wissenschaft von aller Gängelung durch die christliche Kirche. Diese Bevormundung hatte das ganze Mittelalter über geherrscht, wo christliche Glaubensinhalte als unbezweifelbar wahr und gültig angesehen werden mussten, auch wenn Wissenschaftler zu anderen Ergebnissen kamen. Beispiel: Galilei, Sie kennen den Fall: “Und sie bewegt sich doch.” Dass solche Tendenzen auch heute noch nicht ganz überwunden sind, zeigt die aktuelle Entwicklung in den USA. Dort existieren in einigen Staaten starke Bestrebungen, die Evolutionslehre zu verbieten, weil sie der Schöpfungsgeschichte der Bibel widerspricht. Die Abschaffung solcher fundamentalistischer Einschränkungen und damit die Freiheit der Wissenschaft war eines der Anliegen Voltaires.
Eine weitere wichtige Forderung war die nach:
- Rechtsstaatlichkeit, also der Berechenbarkeit und Verlässlichkeit der Rechtssprechung und die Gültigkeit der Gesetze für alle, auch für die Obrigkeit. Auch der König sollte nicht über dem Gesetz stehen, sondern sich daran halten müssen, wie alle anderen auch.
Schließlich, ebenfalls aus dem Bereich der Justiz, noch ein letztes Anliegen, nämlich:
- Humaner Strafvollzug. Wir haben davon schon in der Biografie gehört. Es ging dabei vor allem um die Abschaffung der Folter und grausamer Hinrichtungsarten.
Damit haben wir die Hauptforderungen Voltaires und der gesamten französischen Aufklärung. Ein umfangreicher Katalog. Wir sagen heute vielleicht dazu: Na, ist doch selbstverständlich. Das war es im damaligen Frankreich aber nicht. Nichts davon gab es, alles musste erkämpft werden und wurde dann erkämpft im Zuge der Revolution. Erkämpft letztlich auch für uns. Das theoretische Programm dafür erarbeitete die Aufklärung.
Voltaire sah, wie wir schon gehört haben, die Revolution voraus und hieß sie auch gut. Für eine nachhaltige Entwicklung zum Besseren allerdings schwebte ihm ein feineres Instrument vor. Nicht Gewehre und Lanzen sollten die Veränderungen herbeiführen, sondern Argumente, also die Vernunft. Der Vernunftgebrauch sollte das eigentliche Instrument zur nachhaltigen Verwirklichung der aufklärerischen Ideen sein.
3.4.1.3 Instrument zur Verwirklichung: Vernunft
Voltaire empfiehlt seinen Lesern unermüdlich den Gebrauch der eigenen Vernunft. Unter Vernunft versteht er das, was John Locke und andere englische Philosophen den “common sense“ nannten, d.h. die normale Alltags-Vernünftigkeit, nicht eine abgehobene intellektuelle Akrobatik. Die Menschen müssen also nicht alle studieren. Normale Vernünftigkeit reicht. Diese Forderung, die eigene Vernunft zu gebrauchen, ist ein weiteres bestimmendes Merkmal der Aufklärung. Wir werden bei Immanuel Kant noch einmal darauf zurückkommen.
Wenn die Menschen ihre Vernunft gebrauchen, so die Überzeugung Voltaires, dann beseitigt dies Obskurantismus, Aberglaube und Fanatismus und damit die Grundlagen für die sozialen und politischen Missverhältnisse. Wenn die Menschen ihrer Vernunft folgen, wird man ihnen keine Märchen mehr erzählen können, und sie werden erkennen, was ihre tatsächlichen Bedürfnisse und Rechte sind und auch die ihrer Mitmenschen.
3.4.1.4 Ausblick
Letztlich, und damit sind wir beim Ausblick in die Zukunft führt eine solche Entwicklung dann zum persönlichen Glück des einzelnen Menschen und zum allgemeinen Wohlergehen aller. Dieses irdische Glück, nicht erst das im Jenseits, war das Ziel, das die Aufklärung vorgab und das sie auch für erreichbar hielt: durch Fortschritte mit Hilfe der Vernunft. Diese Haltung bezeichnet man als den Fortschrittsoptimismus der Aufklärung. Dieser Fortschrittsoptimismus war bei Voltaire nicht ungebrochen. Voltaire war nicht naiv. Aber der Optimismus war vorhanden, auch im Alter noch. Wenn man den Candide liest, eines der späteren Werke, dann spürt man, trotz der dort enthaltenen Kritik an der Leibniz’schen Auffassung von der “besten aller Welten”, dass hier jemand schreibt, der – immer noch – Optimist ist.
3.4.1.5 Fazit
Dies also waren die Hauptthemen der französischen Aufklärungsphilosophie. Man sieht auf einen Blick, dass es fast ausschließlich um Politik ging. Und man sieht, wenn man die damaligen Verhältnisse mit der heutigen politischen und sozialen Wirklichkeit vergleicht, wie enorm viel von diesen Gedanken zumindest in Europa inzwischen verwirklicht wurde – nicht vollkommen und nicht vollständig, es bleibt noch einiges zu tun, aber doch schon in hohem Maße und als Entwicklung zum Besseren.
Niemals zuvor hat die Philosophie unmittelbar so viel bewirkt für die Lebenswelt der Menschen und nur noch einmal danach, nämlich durch die Philosophie von Karl Marx. Der Marxismus-Leninismus war politisch ähnlich wirkungsvoll wie die Aufklärung, wenn auch, so können wir im Rückblick heute sagen, eher nicht zum Guten. Allerdings lagen die Probleme hier möglicherweise vor allem in der Umsetzung, weniger in der marxistischen Theorie als solcher.
Wegen dieser unmittelbar erkennbaren Wirkungsmacht der Philosophie während der Aufklärung nennt man das Jahrhundert der Aufklärung in Frankreich auch “le siècle philosophique“, also das Jahrhundert der Philosophie.
3.4.2 Geschichtsphilosophie
Wir wollen zum Abschluss noch einen Blick auf eine philosophische Disziplin werfen, für die Voltaire nicht nur Sprachrohr war, sondern die er selber begründete, zumindest in ihrer modernen Auffassung. Dabei handelt es sich um die Geschichtsphilosophie. Das diesbezügliche Hauptwerk ist der Versuch über die Weltgeschichte, das wir bei den Werken schon kurz angesprochen haben.
Voltaire entwickelt hier eine Geschichtsauffassung, die sich in dreifacher Hinsicht von dem unterscheidet, was man bis dahin unter Geschichte verstand. Zum einen: Voltaire betrachtet die Geschichte nicht mehr als religiöse Heilsgeschichte, also als Weg der Menschen gemäß einem göttlichen Plan, von der Schöpfung über den Sündenfall und allerlei irdische Geschehnisse bis zum jüngsten Gericht. Das war die bis dahin geläufige Geschichtskonzeption, begründet von dem spätantiken Philosophen und Kirchenvater Augustinus. Demgegenüber forderte und praktizierte Voltaire nun eine Geschichtsschreibung, die keinen Bezug mehr auf theologische Voraussetzungen nahm und sich auf das diesseitige, irdische Geschehen beschränkte. Voltaires Philosophie der Geschichtsschreibung ist also säkularisiert, verweltlicht.
Die zweite Neuerung bestand darin, dass die Geschichtsschreibung sich nicht im Aufzählen von einzelnen Personen und Geschehnissen erschöpfen sollte, also vor allem Königen sowie Kriegen und Schlachten. Sondern im Zentrum sollten die Entwicklung der Kultur und der Fortschritt des Geistes stehen. Voltaire wollte zeigen,
“wie die Menschen im Kreis ihrer Familie lebten und welche Künste sie gemeinsam pflegten“ und “über welche Stufen die Menschen vom Zustand der Barbarei zur Zivilisation übergingen.“
Geschichte also nicht nur als politische und das hieß damals fast ausschließlich militärische Geschichte, sondern auch und vor allem als Geschichte der Kultur und der Zivilisation. Man könnte sagen, eine Geschichtsschreibung, die auch die weichen Faktoren berücksichtigt.
Voltaire nimmt an, dass die Geschichte nach einem ihr innewohnenden Entwicklungsgesetz verläuft, so wie die Abläufe in der Natur aufgrund von Naturgesetzen erfolgen. Bei Betrachtung der einzelnen Epochen unserer Geschichte (die Voltaire allerdings erst ab der Zeit Karls des Großen unternimmt) erweist sich diese Entwicklung als eine fortschreitende Vervollkommnung der Vernunft. Da anzunehmen ist, dass auch die weitere Entwicklung diesem Gesetz folgen wird, bestätigt also die Geschichte, so Voltaire, den Fortschrittsoptimismus der Aufklärung.
Die dritte Neuerung war eine geographische Erweiterung. Voltaire erörterte nicht nur die abendländische Kulturgeschichte, sondern richtete den Blick auch intensiv und ausführlich auf die fernen Kulturen Persiens, Indiens und Chinas. Dadurch erscheint Europa erstmals nicht mehr als die Welt schlechthin, sondern als eine Region neben ebenbürtigen anderen. Ebenso rückt ins Bewusstsein, dass das Christentum nicht die einzige gültige Religion ist, sondern eine unter mehreren.
Auch die Geschichtsphilosophie zeigt also, über welch einen weiten Horizont Voltaire verfügte. Dass er auch wegen dieser Geschichtsauffassung aus Frankreich verbannt wurde, zeigt wiederum, wie eng der Horizont vieler Zeitgenossen Voltaires war und wie nötig der lebenslange Kampf Voltaires gegen diese Enge. Darüber haben wir heute ein wenig erfahren.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Beste Grüße
Michael Conradt
Nächste Woche: Jean-Jacques Rousseau!
